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Wetzikons Kehrausspiel: Das Treffen der treuen Fans

Von Florian Bolli. Aktualisiert am 23.02.2012

Der EHC Wetzikon steigt in die 2. Liga ab. Am Mittwochabend fand das Kehrausspiel des Clubs gegen Ceresio statt. Ein Augenschein vor Ort.

1/19 EHC Wetzikon - HC Ceresio
22.2.2012: Der EHC Wetzikon empfängt den HC Ceresio.
Bild: Robert Pfiffner

   

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Die Frau im Kassahäuschen der Wetziker Eishalle zählt die unverkauften Tickets und sagt:«Heute mache ich rückwärts. Wer will denn schon einen Zweitligisten spielen sehen.» Aus der Halle klingt zwar Sekunden vor Spielbeginn dasselbe Geräusch wie immer – das Trommeln der unentwegten Fans. Sie feuern ihren EHC Wetzikon noch einmal an, ein zweitletztes Mal in einem Heimspiel in der 1. Liga. Doch in ihren Rufen ist die Hoffnung und der Enthusiasmus der Wehmut gewichen. Leiden statt Feiern stand in den letzten Jahren an der Tagesordnung. Ansehen wollten sich dies immer weniger – gestern im bedeutungslosen Spiel gegen Ceresio sind es nur noch 112 Personen.

Als Aleksander Mihajlovic nach vier Minuten die Wetziker in Führung schiesst, benötigen sowohl Spieler als auch Fans einige Sekunden, um sich bewusst zu werden, dass sie nun eigentlich jubeln sollten. Aus den Lautsprechern krächzt Stephan Eicher melancholisch. «Weiss nid was es isch». Die Wetziker hingegen wissen seit Dienstagabend: Punkte und Tore sind nur noch für die Galerie, der Abstieg steht fest.

Eine halbe Stunde vor dem Spiel raucht der langjährige Betreuer Röbi Sidler vor der Eishalle eine Zigarette. «Mich musst du nicht nach den Gründen fragen, ich habe den Tee für die Teams nicht gemacht», sagt er grinsend und spielt damit auf die letzten drei Jahre an. Jedesmal, als der EHCW sich im letzten Saisonspiel rettete, bot Sidler sich dem ZO/AvU-Journalisten mit den Worten an: «Mach ein Interview mit mir, ich sage dir dann, was ich dem Gegner in den Tee gemischt habe.» Macht er den Tee auch in der 2. Liga? «Ich weiss es noch nicht. Ich habe Angebote von Erstligisten, als Teammanager. Aber der EHCW ist der Klub meines Herzens.»

Tee wird an der Fanclub-Bar neben den Stehplätzen weniger verkauft, vielmehr gehen hier Bier, Glühwein und Kafi Luz über den Tresen. Ein Formular liegt auf, in das sich Fans eintragen können, die den EHCW zum letzten Saisonspiel auswärts in Uzwil begleiten wollen. Erst ein halbes Dutzend Namen stehen darauf. Ginge es dannzumal, am 3. März, noch um etwas, würde wohl die 10-fache Anzahl den Klub begleiten. «Wir werden wohl am Schluss etwa zehn sein. Jene, die halt immer kommen», sagt Chrigel Ziegler. Der Fanklub-Präsident steht hinter der Bar, neben ihm verkauft Beat Steiner Getränke. Auf seinem Kopf sitzt ein grosser, schwarzgelber Hut, um seinen Hals hängt ein EHCW-Schal. Seine Jeansjacke mit EHCW-Aufnähern nähte vor 20 Jahren seine Mutter. Für ihn ist es keine Frage, ob er dem Klub auch in der 2. Liga die Treue halten wird. «Lieber im Engadin einen Sieg sehen, als morgens um drei Uhr frustriert nach einer Niederlage aus dem Tessin zurückkehren», sagt er. «Viele sind dem ewigen Abstiegskampf überdrüssig geworden und kommen nicht mehr. Ich verstehe das. In der letzten Zeit machte es wirklich keinen Spass mehr.»

Frust ist bei den wenigen verbliebenen Wetziker Fans nicht spürbar. Resignation vielleicht, vor allem aber Realitätssinn. Während Spieler und Trainerstab sich noch an den letzten Strohhalm klammerten, solange der Ligaerhalt rechnerisch noch möglich war, akzeptierte Fanclub-Präsident Ziegler das Schicksal des EHCW schon nach der Niederlage im ersten Abstiegsrundenspiel gegen Uzwil.

«Eines der vielen Spiele, die wir auf dumme Weise verloren», sagt er und beginnt mit Steiner darüber zu diskutieren, dass die Mannschaft «zu lieb» gewesen sei. «Nur der Baer nicht», sagt Steiner, derweil die Wetziker Nummer 44 im Hintergrund eine Chance vergibt. «Das wäre eben der Baer gewesen », sagt Ziegler. Und Steiner fragt zurück: «Wann hat der eigentlich das letzte Mal getroffen?»

Die Frage erübrigt sich wenige Minuten später, als Baer das 3:1 erzielt. Am Ende siegen die Wetziker 5:1, den letzten Treffer schiesst Mihajlovic in der letzten Minute. «Warum spielt ihr nicht die ganze Saison so?», ruft ein Zuschauer auf der Haupttribüne. «12 Sekunden vor Schluss – für einmal für uns», sagt Speaker Mäne Zürcher. Oft genug musste er in der Schlussminute Gegentore verkünden. Wird seine Stimme auch in der 2. Liga zu hören sein? «Nein, das tue ich mir sicher nicht an», sagt er erst, grinst und schiebt dann nach: «Ja, natürlich bleibe ich dabei.»

In den Katakomben war die Luft vor einem Jahr von Zigarrenrauch geschwängert und die Stimmung bierselig, nachdem die Wetziker mit einem 10:0-Erfolg im letzten Spiel gegen Weinfelden den Ligaerhalt geschafft hatten. Als Simon Müller gestern nach der Partie wortlos seine Stöcke ins Gestell stellt, riecht es nach Tee und Schweiss. Trainer Roger Keller sitzt am Tisch des Trainerbüros. Er wirkt traurig, der Sieg kann seine Miene nur bedingt aufhellen. «Es ist ein doofes Gefühl. Ich spürte eine Leere, als ich hierherfuhr und wusste, dass es gelaufen ist.» Seinen Spielern verlieh die Gewissheit, dass es um nichts mehr geht, Flügel. «Spielwitz und Spielfreude » hätten sie gezeigt, den «Willen, bis am Schluss alles zu geben» – all das, was dem EHCW zuvor, als es um etwas ging, gefehlt hatte.

Als Keller sagt, er diagnostiziere nun eine «Lockerheit» im Team, schaltet sich Sportchef André Böhlen ein und sagt: «Das ist nicht das richtige Wort. Locker ist man, wenn einem etwas nicht nahegeht. Aber das war nicht der Fall. Doch jetzt sind sie erleichtert, dass der Druck nicht mehr auf ihren Schultern lastet.» Böhlen, der seine Ferien für die Partie unterbrach, will nun innert den nächsten zwei Wochen dem Vorstand einen Vorschlag unterbreiten, wie es sportlich weitergehen soll. Bis dann soll sich das Team in den letzten beiden Partien so gut wie möglich präsentieren. «Das sind wir den Fans schuldig», sagt ein Spieler, ehe er seine Pasta verschlingt. (ZO/AvU)

Erstellt: 23.02.2012, 07:58 Uhr

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